Leseprobe ∞ Verwünschung

Kapitel 1

vor 150 Jahren

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren eine kleine Fee mit Namen Josephine. Sie lebte in einem magischen Königreich in einer kleinen Höhle am Glitzernden See. Ihr bester Freund war Peter, ein Feenmann. Er wohnte in einer hohlen Eiche, die nahe des Glitzernden Sees wuchs. Seit sie ganz klein waren, verbrachten sie jeden Tag miteinander und erlebten jede Menge Abenteuer. Sie kannten einander, wie kein Anderer es tat, und gingen gemeinsam durch dick und dünn – bis zu diesem Tage …

Wie jeden Ersten im Monat, seit sie achtzehn Jahre alt waren, flogen Peter und Josephine zusammen zur Burg, um dem König ihren Zins zu bringen. Sie schnatterten und lachten über dies und das, und sobald die ersten Zinnen in der Ferne aufragten, veranstalteten sie wie jedesmal ein Wettfliegen.

»Heute gewinne ich!«, juchzte Josephine übermütig.

»Das kannst du vergessen! Dieses Mal bin ich als erster bei der Burg!«

Peter lag vorne und Josephine fiel immer weiter zurück. Auf einmal hielt sie sich die Hand an den Kopf. Sie flatterte Schlangenlinien und stöhnte laut auf.

»Oh weh, wie ist mir?«

»Josephine!« So schnell er konnte, zischte er zurück zu seiner Freundin und legte stützend den Arm um sie. »Geht es dir gut?«

»Reingelegt!« Schnell wie der Wind flog sie weiter. Dabei wehte der Rock ihres Kleides aus Seerosenblättern hinter ihr her. Ihr Kichern erklang über die Blumenwiese, auf der die Glockenblumen im lauen Wind hin und her wogen, und entlockte ihm ein zärtliches Lächeln.

»Na warte …« Peter nahm die Verfolgung auf. Wenig später gelangten sie lachend an der Burg an.

»Da bist du endlich, du lahme Schnecke!«, neckte Josephine, die nur wenige Sekunden vor ihm über die Köpfe der Torwachen hinweggezischt war.

Er wischte sich die verschwitzten Hände an seiner Hose aus Eichenblättern ab und lachte seine Freundin an. Ihre seegrünen Augen glänzten, ihre Backen waren rot von der Anstrengung und sie strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. Es machte ihm nichts aus, wenn sie gewann.

Sie flatterten in die Burg hinein und bogen links ab, wo es in das Zinszimmer des Königs ging. Ein hektischer Schreiberling, die Brille schief über seiner Halbglatze, kritzelte auf Papier, welche Feen bereits ihre Abgaben geleistet hatten. Als die beiden zu seinem langen Tisch flogen und sich ihm vorstellten, gönnte er ihnen nur einen kurzen Blick und sofort hörten sie das Kratzen seiner Gänsefeder, als er ihre Namen aufschrieb.

»Josephine vom Glitzernden See«, murmelte er und sah auf. »Wo bleibt das Goldstück?«

»Ich wollte warten, bis sie mir ein Lächeln schenken!«, entgegnete die kleine Fee.

Der Schreiberling sah sie finster an, Josephine seufzte auf, griff in ihren Beutel und holte eine stattliche Portion Feenstaub hervor. Sie wies mit der Spitze ihres Zauberstabes darauf und einen Wimpernschlag später landete ein glänzendes Goldstück mit einem lauten Klang auf dem Tisch. Der Schreiberling betrachtete es und begann sogleich zu notieren:

»See auf der Vorderseite, kahler Baum auf der Rückseite.«

Peters Augen wurden groß und er schielte auf das Goldstück in der Hand des Schreiberlings. War das wirklich ein kahler Baum auf der Rückseite von Josephines Münze oder womöglich eine hohle Eiche? Auf der letzten Münze, die sie gezaubert hatte, war auf der Rückseite eine Butterblume gewesen als Hinweis darauf, dass ihre Mutter von einer Butterblumenwiese stammte. Der kahle Baum war ein neues Symbol! Etwas hatte sich verändert! Er warf ihr einen hoffenden Blick zu, während der Schreiberling die Münze in eine große Truhe neben seinem Stuhl warf, in der bereits ein großer Haufen Feengoldstücke glänzte.

»Peter von der hohlen Eiche«, schrieb er auf das Papier, während Peter unkonzentriert eine Handvoll Feenstaub aus seinem Beutel nahm und mit einem Schnicken seines Zauberstabes ebenfalls eine Goldmünze auf den Tisch des Zinseintreibers zauberte. Es war das erste Mal, dass er nicht damit wartete, bis Josephine rausgeflogen war.

»Hohle Eiche auf der Vorderseite, See auf der Rückseite!«

Josephine sah überrascht zu Peter, der sie schüchtern anlächelte.

War sein Traum endlich wahr geworden? War Josephine ihm mehr zugeneigt als einem normalen Freund?

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, zischte die kleine Fee nach draußen.

In den vergangenen Jahren hatte Peter es immer zu verhindern gewusst, dass Josephine mitbekam, welches Symbol auf der Rückseite seiner Goldmünzen abgebildet war. Während er anfangs glaubte, auf seinen gezauberten Münzen sei ein See abgebildet, weil er so viel Zeit mit Josephine verbrachte, nahm er mittlerweile das sanfte Ziehen wahr, das sich in seinem Herzlein regte, wenn sie lachte, wenn sie ihre kupferroten Locken über die Schultern warf oder ihm direkt in die Augen blickte.

Doch in diesem Jahr war alles anders. In diesem Jahr befand sich auf ihrer Münze ein Hinweis darauf, dass sie ebenfalls tiefere Gefühle für ihn hegte. Sein Herz begann schneller zu schlagen, während er sehnsüchtig nach der Münze schielte, die die Erfüllung seiner Hoffnungen zu versprechen schien.

»Nächster!«, unterbrach der bellende Ruf des Schreibers ihn in seinen Gedanken. Mit zittrigen Knien flatterte er hinter Josephine nach draußen, wo das Licht der Mittagssonne auf ihren großen Flügeln glitzerte. Peter fand schon immer, ihre Flügel glitzerten mehr als die der anderen Feen. Und ihr Kleid, dass sie aus den Blütenblättern der Seerosen geschneidert hatte, war so elegant und schmiegte sich so vorteilhaft an sie, dass sie aus jeder Feengruppe herausstach.

Josephine saß auf einem Stein in der Sonne auf dem Burghof. Sie kaute an ihren Fingernägeln, während sie auf Peter wartete. Oder sollte sie lieber nicht warten? Sollte sie lieber davonfliegen, um sich die traurige Unterhaltung zu ersparen? Sie wollte ihrem Freund nicht das Herz brechen. Sie hatte seinen Blick bemerkt, den er ihr zugeworfen hatte, als das neue Symbol auf ihrer Münze erschienen war. Er konnte nicht wissen, was es bedeutete. Es war keine hohle Eiche. Doch es ihm zu verraten, hieße möglicherweise, ihr eigenes Glück zu opfern. Konnte sie das riskieren? Würde Peter ihr Geheimnis für sich behalten, auch wenn das bedeutete, dass seine eigenen Träume zerplatzten?

Der pummelige Feenmann kam strahlend nähergeflogen. Josephine seufzte tief. Er war ihr bester Freund, seit sie denken konnte. Wem sonst sollte sie ihr Geheimnis anvertrauen können, wenn nicht ihm?

Peter hockte sich mit klopfendem Herzen neben sie auf den Stein in die Sonne und setzte an. Doch bevor er ihr seine Liebe gestehen konnte, ergriff sie das Wort.

»Lieber Peter, du bist mein aller, aller, allerbester Freund. Ich bin so dankbar, dass wir befreundet sind, und hoffe, dass wir es für immer und ewig bleiben.«

Das Strahlen in Peters Augen verlor an Intensität. Er runzelte die Stirn und sah sie fragend an.

»Der kahle Baum ist doch eine …«

»Der kahle Baum«, unterbrach sie ihn geschwind, bevor seine Beichte ihre Freundschaft für immer trüben würde, »ist tatsächlich ein kahler Baum. Lieber Peter, darf ich dir ein Geheimnis erzählen? Du bist der erste, dem ich es anvertraue. Du bist mein bester Freund, und ich weiß, du würdest mich niemals verraten! Du wirst es doch nicht ausplaudern, oder?«

»Aber selbstverständlich nicht!«, entgegnete er irritiert.

»Ich habe mich verliebt.«

Peters Augen wurden groß, hoffnungsvoll zuckten seine Mundwinkel nach oben; schnell ergänzte sie:

»Du kennst ihn nicht!«

Sie sah es nicht nur, nein, sie spürte es in ihrer eigenen Brust, wie Peters Herz brach. Er ließ seine Schultern hängen, seine Hände rutschten schlaff in seinen Schoß, während sein Herz für einen Moment aufhörte zu schlagen. Es war, als wäre sie er, so intensiv fühlte sie, was er empfand, so innig waren sie miteinander verbunden durch ihre jahrelange, tiefe Freundschaft. Wie gerne hätte sie ihm diese Enttäuschung erspart! Aber war es nicht richtig, ihm die Wahrheit zu sagen, bevor er sich unnötige Hoffnungen machte? Mussten Freunde nicht immer ehrlich miteinander sein?

»Lieber Peter, ich hab dich so lieb, du bist mein allerbester Freund …«

»Wer?«, fragte er mit seltsam tonloser Stimme.

»Ich glaube nicht, dass du ihn kennst. Er ist etwas ganz besonderes, unsere Liebe ist etwas ganz besonderes. Es ist nicht so üblich, aber wenn das Herz sich entschieden hat, dann hat der Kopf kein Mitspracherecht …«

Er räusperte sich, als befürchtete er, die Stimme könnte ihm ebenso versagen wie der lebensnotwendige Herzschlag.

»Wer ist es und wo kommt er her?«

»Er kommt aus der Fremde.«

»Aus der Fremde? Wie ist sein Name?«

»Sein Name ist Heinrich Weidental.«

»Weidental?« Seine Augen wurden kugelrund. »Das ist doch kein Feenname, sondern …«

Josephine grinste breit und nickte mit dem Kopf.

»Er ist kein Feenmann, Peter, er ist ein Mensch!«

Kapitel 2:

Kai verließ Punkt sechs Uhr sein Penthouse. Seine Laufschuhe waren mit einem festen Doppelknoten geschnürt und die Schnürsenkel in die Schuhe gesteckt. Er überprüfte die Uhrzeit, joggte die sechsundneunzig Stufen mühelos hinunter ins Erdgeschoss und rannte nach links die Weidenstraße hinunter, über die Fußgängerampel, auf den Feldweg und kam keine fünf Minuten später am Waldrand an. Er kontrollierte den Pulsfrequenzmesser an seinem Handgelenk und blickte zufrieden nach vorne. Er war heute Morgen gut in Form und konnte mit einer neuen Bestzeit rechnen. Wie jeden Morgen bog er an dem ersten Haufen aufgeschichteter Baumstämme rechts ab und verließ den breiten Waldweg. Er spurtete einen Trampelpfad entlang, der ihn kurze Zeit später zu dem alten Holzsteg über den Wildbach führte.

Stolz wie ein Hirsch lief er an dem plätschernden Bach entlang, in Gedanken bereits bei dem neun Uhr Termin, der seiner Kanzlei ein üppiges Jahresplus versprach, als er ein feines Klingeln vernahm. Er hielt es für ein Piepsen im Gehörgang und drückte mit dem Zeigefinger an seinem Ohr herum, bis das Klingeln wieder fort war.

Die Frau des Bürgermeisters wollte sich von ihrem Mann trennen und hatte ihn als besten Scheidungsanwalt der ganzen Region damit beauftragt, das Bestmögliche herauszuholen. Wenn er weiter so schnell joggte, war er zeitiger als sonst mit seinem Dauerlauf fertig und käme fünf Minuten früher in der Kanzlei an. Er hätte genügend Zeit, die neue Idee, die ihm gestern Abend beim Durchblättern der Klientenakte gekommen war, mit seinem Topanwalt Oliver Schaubach zu besprechen, der die Leitung in dem Fall übernehmen sollte.

Oliver Schaubach hatte die letzten drei Jahre am härtesten gearbeitet. Er kam jeden Morgen pünktlich, blieb engagiert bis spät in den Abend und hatte sich vor den anderen Anwälten mit guten Ideen und Biss hervorgetan. Kai schätzte ihn und war deshalb dazu bereit, ihm den prominenten Fall abzutreten. Selbstverständlich würde er dennoch bei allen Sitzungen dabeisein und seinem Angestellten peinlichst genau auf die Finger schauen, denn sie durften sich keinen einzigen Fehler erlauben. Dazu war der Auftrag zu wichtig.

Seine Angestellten hatten sich darüber gewundert, dass er den Fall überhaupt abgegeben hatte, war er doch bereits mehrfach in den Medien besprochen worden und wiederholt auf den Titelseiten der großen Zeitungen erschienen. Wenn alles glatt lief, würde er der Kanzlei bedeutsame Folgeaufträge bescheren.

Nun, seine Angestellten wussten nicht, dass er an etwas noch viel größerem dran war. Ihm entfuhr ein Schmunzeln, als er an seinen gestrigen siebzehn Uhr Termin mit der betuchten Pianistin dachte. Er war seinem Ziel, dass selbst die reichen und prominenten Leute, die nicht aus dieser Region stammten, sich in Scheidungsangelegenheiten an ihn wendeten, wieder einen Schritt näher gekommen.

Für einen Moment musste er an seinen Großvater denken. Ob der nun verstanden hätte, wieso Kai unbedingt in dieser Stadt bleiben wollte? Wieso er nicht seinen Namen geändert hatte, obwohl sein Großvater ihn so inständig darum gebeten hatte?

Er schlug mit dem Handrücken nach einer Mücke, die um seinen Kopf sirrte, als würde damit auch der Gedanke verschwinden. Nun war es ohnehin einerlei. Er richtete seinen Kopf zielstrebig geradeaus und spürte die Kraft, die in ihm lag.

Etwas prallte gegen seine Brust. Es war zu leicht, um ihn zu Fall zu bringen, doch er wurde ein wenig langsamer und sah stirnrunzelnd nach unten, als ihm etwas Kleines, Federleichtes in die Hände fiel. Im ersten Moment hielt er es für einen Schmetterling und wollte ihn wegschnicken, als ihm aufging, dass es so große Schmetterlinge in diesen Wäldern nicht gab. Er wurde langsamer, während er einen weiteren Blick auf das Wesen warf, das noch immer in seinen Handflächen ruhte. Er blinzelte mehrmals und während er es genauer betrachtete, blieb er abrupt stehen und ein Schrecken durchfuhr seine Glieder.

Das war kein Schmetterling! Es war eine winzig kleine Frau! Mit Flügeln! Sie zitterte und blickte ihn flehend an.

»Versteck mich!«

Ohne nachzudenken formte er seine aneinanderliegenden Hände zu einer halben Kugel, doch ihre Flügel schauten hervor und sie funkelten im Licht der Morgensonne, das durch die grünen Ahornbäume fiel. Automatisch führte er seine Hände an die Brust und verbarg die kleine Frau behutsam, sodass selbst ihre großen Flügel verdeckt waren. Sie kauerte mucksmäuschenstill an seiner hämmernden Brust, doch er spürte sie schaudern. Wovor hatte sie solche Angst?

Er blickte auf und schaute sich im Wald um. Er sah Ahornbäume, Linden und Buchen, erblickte Haselnusssträucher und Brennnesseln, abgesägte Baumstümpfe, die mit Moos bewachsen waren, und eine Gruppe Butterpilze am Fuße einer Pappel.

Zweige knackten. Hinter einem der Haselnusssträucher bewegte sich etwas. Etwas Weißes und Rotes blitzte zwischen den Blättern hervor. Was war das? Bevor er darauf zulaufen konnte, hörte er direkt hinter sich ein bedrohliches Schnaufen. Hoffentlich kein Keiler, schoss es ihm durch den Kopf, während er sich ganz langsam umdrehte. Keine hektischen Bewegungen, schön ruhig bleiben, ermahnte er sich. Bevor er sich zu dem Tier umgedreht hatte, kündete ein Rascheln von dessen Flucht. Kai sah nichts mehr hinter sich als den verlassenen Wald. Er spähte hinüber zu dem Haselnussstrauch; doch auch dort bewegte sich nichts mehr. Er lief darauf zu und umkreiste den Busch einmal und noch einmal. Niemand war zu sehen.

»Es ist niemand hier!«, murmelte er, streckte seine Hände wieder von sich und starrte dieses seltsame Wesen in seinen Händen an. Die kleine Frau blickte unsicher zu ihm auf und lugte über seine Zeigefinger nach hinten. Mit einem Mal entspannte sie sich. Sie richtete sich auf, schirmte mit der Hand die Augen vor den frühen Sonnenstrahlen ab und überblickte die Umgebung.

»Es ist weg!«

Was war weg?

»Aber wer war es?« Fröstelnd legte sie ihre Arme um ihren kleinen Körper, als fürchte sie noch immer ihren Verfolger im Schatten der Bäume verborgen.

Kai stierte sie an, musterte ihr Gesicht, das älter aussah, als er es bei der Größe im ersten Moment erwartet hatte, starrte auf ihr langes, braunes Haar und die geflochtene Strähne, die sich wie ein Reif um ihren Kopf legte, und ihre spitzen Ohren. Er betrachtete ihr grünes Kleid, das aus Blättern gefertigt war, und ihre funkelnden Flügel, die mehr als halb so groß waren wie sie selbst. Er zwinkerte mehrmals kräftig mit den Augen, schüttelte den Kopf und blickte sich im Wald um, ob nicht vielleicht irgendjemand Unfug mit ihm trieb. Aber es trat niemand lachend hinter den Bäumen hervor. Langsam wendete er seinen Blick wieder diesem seltsamen Wesen zu, das nun mit seinen großen Flügeln schlug und sich sachte aus seiner Hand erhob. Die kleine Frau flog vor ihm in der Luft, während sie sich umsah.

»Was bist du?«, fragte er, während er spürte, wie ein Stich durch seine Brust fuhr.

Hatte er einen Herzinfarkt und war dieses Wesen eine Illusion? Nein, einen Herzinfarkt konnte er nicht haben, dazu ernährte er sich zu gesund und trieb zu viel Sport! Aber wieso hatte er dann diese Halluzination? Ungläubig blinzelnd starrte er das geflügelte Wesen an.

Die kleine Frau flog zurück in seine Hand und blickte zu ihm auf. Ihre Augen waren so blau wie Vergissmeinnicht. Plötzlich erschrak sie.

»Du bist aus der Menschenwelt! Ich hätte mich dir nicht zeigen dürfen. Du darfst niemandem von mir erzählen. Versprichst du mir das?«

»Bist du eine …« Er stockte und betrachtete sie erneut. Was war sie? War sie echt? Oder eine Art Roboter? Eine Drohne? Erneut sah er sich in dem Wald um, ob nicht doch jemand feixend hinter einem der Bäume hervorsprang. Doch es war niemand zu sehen.

Sie flog aus seinen Händen und flatterte zum Waldboden. Sie tippelte hin und her, schwebte über das Moos und stieß einzelne herumliegende Bucheckern zur Seite, bis sie zielgerichtet auf einem Baumstumpf zum Landen kam.

»Da ist er. Himmel sei Dank.« Sie griff nach etwas, das Kai nicht zu sehen vermochte. Er bückte sich zu ihr und beobachtete sie. Er kramte in seinem fotographischen Gedächtnis nach Gestalten, die der kleinen Frau ähnelten, als ihm die Erinnerung an ein Filmplakat aus seiner Kindheit in den Kopf schoss.

»Bist du eine …« Er zögerte, es auszusprechen, lachte kurz auf, bevor er erneut ansetzte. »Bist du eine Fee?«

»Ja, und zum Dank für meine Rettung erfülle ich dir einen Herzenswunsch.«

Kai lachte laut los und spähte erneut hinter die Ahornstämme. Wer trieb seinen Spaß mit ihm? Seine Angestellten? Na, die sollten was erleben!

»Du willst mir einen Wunsch erfüllen?«

»So will es das Gesetz!«

Er lachte noch lauter, was dem kleinen Wesen die Zornesröte auf die Wangen trieb.

»Ich sehe schon, was dich glücklich macht.« Sie hob ihre Hand, und jetzt erkannte er, was sie auf dem Baumstumpf aufgehoben hatte: Es war ein winzig kleines Stöckchen, das sie durch die Luft wirbelte. Sie griff nach einem kleinen Beutel, der zwischen den Blättern ihres Kleides verborgen um ihre Taille hing, und holte etwas Glitzerndes daraus hervor. Sie richtete die Spitze ihres Stöckchens darauf und im nächsten Moment landete etwas Schweres auf seinen Handinnenflächen, das sogleich seine Aufmerksamkeit auf sich zog. In seiner Hand lag ein Goldstück. Ein großes Goldstück. Bedeutend größer als ein üblicher Krügerrand und sicherlich weit über tausend Euro wert!

Ungläubig blickte er auf und sah die kleine Fee ganz nah vor seinem Gesicht schweben. Sie hielt wieder etwas von dem glitzernden Material in ihren Handflächen und schneller, als er fragen konnte, was das war, blies sie es ihm mit aufgeblähten Backen ins Gesicht. Rasch kniff er die Augen zusammen und hielt sich die Hände schützend davor, doch ein Großteil des Pulvers landete dennoch auf seinem Gesicht. Er wischte sich über die Stirn und die Augenpartie, um das seltsame Glitzerzeug von seinen Lidern zu streichen, und öffnete die Augen. Die Fee war verschwunden.

Er blickte sich nach allen Seiten um, drehte sich um die eigene Achse und entdeckte nichts als Bäume, Büsche, Pilze und Blätter. Die Fee war verschwunden. Er tigerte ein paar Schritte den Bach entlang und suchte den Boden ab, anschließend blickte er hinauf in die Baumkronen, doch nirgends sah er etwas Ungewöhnliches. Er schüttelte den Kopf. Das musste eine Einbildung gewesen sein. Ein Tagtraum. Eine Halluzination. Er hatte zu wenig getrunken. Kai kniff die Augenbrauen zusammen. Er trank nie zu wenig! War er womöglich gestolpert und auf einen Stein gefallen? Er sah sich um und dabei fiel sein Blick auf das Goldstück in seiner Hand. Es glänzte wie frisch poliert. Er strich mit dem Finger darüber, begutachtete es genauer und wog es prüfend.

Er ließ seinen Blick ein letztes Mal über das Dickicht schweifen und als er niemanden entdecken konnte, lief er weiter seine Runde durch den Wald. Dabei konnte er sich kaum auf seine Schritte und seinen Atem konzentrieren. Er spähte zwischen den Bäumen hindurch, ob das seltsame Wesen nicht doch wieder irgendwo auftauchte, während er das Goldstück fest umklammerte und so langsam durch den Wald trottete, wie noch niemals zuvor.

"Wer ist diese Frau, die meine Tochter verzaubert und entführt hat?"
die Grafik stammt von Juliane Buser – Grafikdesign

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