Sternmarie. Ein abenteuerliches Märchen

Leseprobe ∞ Sternmarie

Kapitel 1: "Es war einmal …"

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren in einem magischen Königreich ein kleiner Junge na­mens Richard. Er lebte mit seinen Eltern in einer kleinen Stadt. Jeden Abend brachte ihn seine Mut­ter in sein Bettlein und erzählte ihm eine schöne Geschichte, doch nicht am heutigen Abend. An die­sem Abend hatte sein Vater Friedrich ihn ins Bett gebracht. Er saß noch auf der Bettkante, während Richard hellwach aus dem Fenster schaute. Es war bereits dunkel, doch kein Stern leuchtete an dem wolkenfreien Himmel. Die Sterne hielten sich versteckt, sodass die Nächte seit Wochen stockfinster waren. Das war in dem magischen Königreich nicht immer so gewesen. In früheren Zeiten leuchte­ten die Sterne des Nachts so hell, dass ein Wanderer nur ein kleines Lichtlein brauchte, um seinen Weg zu finden. Doch daran konnte sich Richard mit seinen vier Jahren nicht erinnern.

Wann kommt Mama nach Hause?“, fragte Richard seinen Vater.

Wenn Marianna es überstanden hat“, antwortete Friedrich.

Richard wusste nicht, was sein Vater damit meinte. Seine Mutter war bereits am Morgen eilig zu den Nachbarn gelaufen und seither nicht wieder nach Hause gekommen. Sein Vater war den Tag über bei ihm geblieben, doch er war die ganze Zeit so unruhig, dass Richard selbst mit seinen vier Jahren wusste, dass irgendetwas Außergewöhnliches geschah. War wieder jemand von den Schat­tenreitern abgeholt worden? War jemand wegen Hungers gestorben? Er fragte seinen Vater danach, doch Friedrich streichelte ihm lediglich gedankenverloren den Kopf.

Mach dir keine Gedanken, mein Junge. Es wird schon alles gut gehen!“

Richard hatte den Tag über im Haus gespielt, während sein Vater die alltäglichen Dinge im Haus­halt erledigt hatte. Selbst zum Abendessen, das sein Vater gründlich versalzen hatte, war seine Mut­ter nicht heimgekehrt. Und so lag Richard nun ohne den allabendlichen Gutenachtkuss im Bett und konnte nicht einschlafen.

Sein Vater hatte ihm von früher erzählt, von seiner Kindheit, als die Kinder noch draußen spielen durften, als alle genug zu essen hatten und jeden Monat große Feste auf dem Marktplatz abgehalten wurden. Richard konnte sich das nicht vorstellen. Für ihn war es schon immer so gewesen, dass er nur an Mamas oder Papas Hand draußen umherlaufen durfte und dass sich keiner länger und weiter als notwendig von seinem Haus entfernte.

Plötzlich sprang Richard auf.

Da, Papa, schau, dort leuchtet ein Stern!“ Er zeigte mit seinem kleinen Finger in den Himmel, wo ein heller Punkt zu sehen war.

Friedrich zog Richard sanft am Arm und schüttelte den Kopf.

Nein, mein Junge, das bildest du dir ein. Schlaf jetzt endlich.“

Doch Richard ließ sich nicht zurück in sein Bettlein ziehen.

Nein, nein, nein!“, rief er. „Papa, schau doch mal! Da ist ein Stern. Ich kann ihn sehen!“

Friedrich wollte die Hoffnung seines Sohnes nicht enttäuschen. Aber die Sterne hatten schon lan­ge nicht mehr geleuchtet und sie taten es auch heute nicht. Um Richard zu beruhigen, stand Fried­rich auf und schaute aus dem Fenster. Wahrscheinlich hatte sein Sohn ein Glühwürmchen oder eine Laterne in der Ferne gesehen. Friedrich suchte nach dem hellen Punkt. Er wusste, dass Richard noch nicht schlafen wollte, um die Rückkehr seiner Mutter abzuwarten, und müde spielte er das Spiel mit.

Da entdeckte Friedrich den hellen Punkt am Himmel, einen eindringlich leuchtenden Punkt. Mit offenem Mund starrte er ihn an. Was konnte das sein?

Das konnte doch kein Stern sein!?

Friedrich trat näher ans Fenster, öffnete es und kniff die Augen zusammen, um sie sogleich wie­der weit aufzureißen. Das Kinn rutschte ihm hinunter und er wagte es kaum zu blinzeln.

Tatsächlich! Ein Stern war zu sehen. Friedrich sah ihn inmitten des dunklen Himmels leuchten. Der Stern wurde größer und sein Leuchten immer heller.

Dort ist noch einer, und da, schau doch, Papa!“ Richard hüpfte aufgeregt aus seinem Bett. Wei­tere Sterne tauchten am dunklen Himmel auf.

Das gibt es doch nicht“, murmelte sein Vater fassungslos. „Komm, Richard!“ Er nahm Richard bei der Hand und die beiden liefen geschwind nach draußen. Auf der verlassenen Pflasterstraße an­gekommen, blickten sie in den Himmel. Jetzt waren noch fünf weitere Sterne zu sehen und da tauchte noch einer auf und dort hinten auch noch einer. Immer mehr Sterne leuchteten, die Nacht wurde heller und heller.

Die Stadtbewohner kamen einer nach dem anderen aus ihren Fachwerkhäuslein heraus, bis sich alle auf der Straße tummelten. Sie reckten die Köpfe empor, starrten erstaunt in den Himmel und ein Raunen wanderte durch die Nacht.

Die Sterne, sie beginnen wieder zu leuchten“, flüsterte die Gärtnerin Anna.

Das habe ich seit Jahren nicht gesehen!“, wisperte ihr Ehemann Fritz.

Auch die anderen Nachbarn tuschelten miteinander, während sie sich immer wieder verstohlen nach den Seiten umsahen. Das Wispern und Tuscheln wurde lauter, als die hellen Punkte nicht wie­der verschwanden. Am Himmel leuchteten tatsächlich die Sterne.

Auf den sonst so sorgenvollen Gesichtern der Männer und Frauen erschien ein zaghaftes Lä­cheln, während sie gemeinsam zu den Sternen aufblickten und ein wenig Hoffnung in ihre Herzen zurückkehrte.

Richard ließ seines Vaters Hand los, sprang durch die Menge und lachte übermütig. Die anderen vier Kinder taten es ihm gleich und kurz darauf tanzten sie zusammen einen Reigen.

Friedrich beobachtete seinen Sohn und die anderen Kinder mit zärtlichem Blick. Zwischendurch wanderten seine Augen immer wieder zu den Sternen zurück, um sicherzugehen, dass sie immer noch da waren.

Doch wieso leuchten die Sterne wieder?“, fragte jemand aus der Menge.

Was hat das zu bedeuten?“, staunte Emil, der letzte Woche sein Brot mit Friedrich und seiner Familie geteilt hatte.

Da trat Friedrichs Frau Marianna mit hochroten Backen und aufgelöstem Zopf aus dem kleinen Nachbarhaus mit der grünen Tür. Sie hatte die Ärmel ihres Kleides hochgekrempelt.

Die Sterne leuchten, weil die Hoffnung heute Nacht zurückgekehrt ist!“

Hinter ihr kam Johann heraus. In seinen Armen hielt er ein neugeborenes Kind.

Die Menge hielt die Luft an. Eine Nachbarin schlug die Hände vor den Mund.

Ein Baby wurde geboren? In diesen Zeiten? Wer riskierte so etwas?

Richards Vater trat zu Johann, klopfte ihm auf die Schulter und streichelte dem Baby liebevoll über das zarte Köpflein.

Sie ist wunderschön!“

Danke, Friedrich, mein Freund.“ Johann standen Tränen in den Augen und sein Gesicht strahlte mit den Sternen um die Wette.

Und da geschah etwas, das Richard sein ganzes Leben nicht mehr vergessen würde: Die Sterne begannen zu tanzen. Einer nach dem anderen verließ seinen Platz und rauschte durch den Himmel. Wie ein Regen aus Sternschnuppen tanzten die Sterne, und die Menschen unter ihnen, die Elfen in den Wäldern, die Zwerge in den Bergen, alle tanzten mit ihnen.

Kapitel 2: "25 Jahre später"

Marie stand in ihrem Schlafzimmer am Fenster und flocht sich ihre störrischen, blonden Haare zu einem langen Zopf. Sie wohnte in einem Mietshaus mitten in der Stadt im dritten Stock, noch immer in der kleinen Wohnung, in der sie aufgewachsen war. Den unordentlichen Kleiderberg auf ihrem Ohrensessel ignorierte sie ebenso wie die durchgebrannte Glühbirne der Deckenlampe, wäh­rend sie gedankenverloren nach draußen sah.

Es war Abend, es wurde dunkler und dunkler, doch sie wollte noch nicht ins Bett. Sie blickte in den Himmel. Kaum ein Stern war zu sehen.

Gerade heute muss ich unbedingt ein paar Sterne sehen, dachte sie.

Sie vermisste ihre Mutter. Und dann war da noch ihr neuer Chef. Auf der Arbeit hatte er ihr wie­der mächtig Druck gemacht. Er behauptete, sie wäre Schuld, dass eine Überweisung zum wieder­holten Male nicht getätigt worden war und deshalb ein wichtiger Lieferant abgesprungen sei. Er wollte ihr das Gehalt kürzen, damit sie sich endlich mehr disziplinierte. Doch Marie war sich keiner Schuld bewusst. Von der Überweisung wusste sie überhaupt nichts. Eigentlich erledigte solche Din­ge die Buchhaltung. Doch der Chef mochte sie nicht. Er wollte sie um jeden Preis loswerden.

In der Mittagspause beim neuen Italiener um die Ecke hatte Iris geraten, sie solle kündigen.

Du darfst dir das nicht gefallen lassen. So darf niemand mit dir umgehen!“

Dann kann ich die Miete nicht bezahlen.“ Marie stocherte lustlos in ihren Spaghetti Napoli her­um. „Ich brauche zuerst eine andere Arbeit. Aber eigentlich will ich mir gar keine andere Stelle su­chen. Nur weil wir einen neuen Chef bekommen haben, dem wir alle nicht schnell genug arbeiten, sollen wir kündigen? Wenn ich kündige, dann nur, weil ich es selbst entscheide und nicht, weil mich der Schnösel loswerden will.“

Iris ließ die Gabel sinken und strich Marie über die Hand.

Aber wie lange willst du das denn noch mitmachen? Mich übersieht er zum Glück. Aber wenn es mich trifft, falls mich der Chef kränkt und schikaniert wie dich, dann schmeiße ich sofort den ganzen Kram hin! Ich lasse mich doch nicht so anschreien!“

Marie hätte auch niemals gedacht, dass sie sich so behandeln lassen würde. Aber was sollte sie tun? Eigentlich hatte sie immer von mehr geträumt. Eigentlich hatte sie nach dem BWL-Studium auf Reisen gehen wollen. Doch dann war ihre Mutter krank geworden. Marie war zu ihr in die alte Wohnung gezogen und hatte den Arbeitsplatz im Büro angenommen. Sie war überqualifiziert, doch der Arbeitsplatz lag nur fünf Minuten von zu Hause entfernt und die Tätigkeit war einfach, weshalb sie den Kopf für andere Dinge frei hatte. Der frühere Chef hatte immer Verständnis gehabt, wenn sie schnell nach Hause musste, um nach ihrer Mutter zu sehen. Doch dann, vor zwei Jahren, hatte Dr. Heinz ihre Mutter ins Krankenhaus überweisen müssen und kurz darauf war sie verstorben.

Marie saß noch immer ein dicker Kloß im Hals, wenn sie daran dachte. Bis auf ihre Mutter hatte sie keine Familie. Keinen Bruder, keine Schwester, keinen Vater. Wieso das so war, hatte ihre Mut­ter, schon als Marie noch ganz klein war, mit einer phantastischen Geschichte erklärt.

Ich weiß es noch wie heute“, hatte ihre Mutter jedes Mal angefangen. „Es war der 24. April und tiefste Nacht. Ich lag in meinem Bett und schlief, da klopfte es plötzlich an mein Fenster. Es war dasselbe Fenster, an dem wir beide jetzt stehen, mein Schatz, hier in unserer Wohnung im dritten Stock. Du kannst dir vorstellen, ich glaubte, ein Vogel sei dagegen geflogen oder jemand hätte etwas dagegen geworfen. Wie sollte jemand so weit oben an ein Fenster klopfen können?

Ich war neugierig und stand auf. Vorsichtig öffnete ich das Fenster und stockte. Da lag kein Vo­gel auf dem Fensterbrett. Da lag auch kein Stein. Nein, auf dem Fensterbrett im dritten Stockwerk lag ein Säugling – und dieser Säugling, das warst du.

Du warst eingewickelt in weiße Tücher und schliefst, als wäre es das Normalste auf der Welt, so weit oben auf einem Fensterbrett zu schlafen. Ich blickte mich um. Das konnte doch nicht sein! Wie warst du auf das Fensterbrett gekommen? Es war niemand zu sehen.

Bevor du hinunterfallen konntest, nahm ich dich schnell auf meinen Arm. Du warst höchstens eine Woche alt, sagte mir Dr. Heinz am nächsten Tag, doch kerngesund und munter. Auf einem der weißen Tücher, in die du eingewickelt warst, stand dein Name mit rosa Garn gestickt: Marie.

Und so bist du zu mir gekommen, mein Schatz.“

Solange Marie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie die Geschichte geliebt. Beinahe jeden Abend stand sie mit ihrer Mutter am Fenster, schaute in die Nacht und träumte von einem fernen Königreich, in dem ihr Vater ein mächtiger König, ihre Mutter eine wunderschöne Königin und sie selbst eine Prinzessin war. Sie hatte sich die wildesten Geschichten zurechtgelegt, die erklärten, weshalb ihre Eltern sie hatten fortbringen müssen. Wilde Drachen, böse Zauberer, eine hässliche Hexe. Es musste schon etwas ganz furchtbar Schlimmes gewesen sein, sonst hätten ihre Eltern sie niemals fortgegeben!

Heimlich stand Marie damals auch alleine am Fenster und hielt Ausschau, ob ihre Eltern zurückkamen, um sie wieder zu sich zu holen. Dann würde sie mit ihren Eltern auf einem Schlosse leben, prächtige Kleider tragen und mit einem Prinzen durch den Saal tanzen. Das änderte selbstverständlich nichts an den Gefühlen zu der Frau, bei der Marie aufwuchs und die sie vertrauensvoll „Mama“ nannte. Sie liebte ihre Mutter und für sie als Kind gab es keinen Widerspruch darin, sich dennoch nach ihren wahren Eltern zu sehnen. Marie drängte es zu erfahren, wo sie herkam, und sie liebte Abenteuer. Wäre es nicht fabelhaft, so eine abenteuerliche Suche nach den wahren Eltern zu erleben?

Im Laufe der Jahre jedoch hielt sie die Geschichte für eine Ausrede ihrer Mutter, ihr nicht zu er­zählen, wer ihr leiblicher Vater war. Immer häufiger hatten sie darüber gestritten und Marie hatte geschimpft, sie sei zu alt für Märchen. Sie hatte ihre Mutter angefleht, mit ihr diskutiert, geschrien und geweint, doch ihre Mutter war bei der Geschichte geblieben und hatte niemals etwas anderes über Maries Herkunft erzählt.

Mit fünfzehn Jahren hatte sich Marie vorgenommen, auf eigene Faust herauszufinden, wer ihr Vater war. Während ihre Mutter Einkäufe erledigt hatte, war sie durch die Wohnung getigert und hatte alte Kisten hervorgekramt, Fotoalben durchgeblättert und die Schubladen ihrer Mutter nach al­ten Liebesbriefen durchforstet, doch sie fand keinen einzigen Hinweis auf eine geheime Liebelei. Sie war daraufhin in Bibliotheken und Kirchen gegangen, um Ahnenforschung zu betreiben, hatte nach alten Zeitungsausschnitten gesucht, nach Geburtsregistern, nach Nachrichten über vermisste Kinder, doch auch dort war sie nicht fündig geworden. Ihre Mutter hatte keine lebenden Verwand­ten, daher gab es niemanden, den sie außer ihrer Mutter fragen konnte; und selbst nach Jahren inten­siver Nachforschungen hatte sie keinen einzigen Angehörigen ausfindig machen können. Doch sie hatte nicht aufgegeben. Sie war zu Kollegen und Freunden ihrer Mutter gegangen, hatte sie zum Essen eingeladen, auf einen Kaffee besucht und gefragt und gefragt und gefragt, doch keiner von ihnen konnte Marie von einer Romanze ihrer Mutter berichten. Keiner konnte ihr auch nur den kleinsten Anhaltspunkt liefern. Es war nichts herauszufinden.

Marie wusste nicht, wer ihr Vater war.

Als ihre Mutter so schlimm krank geworden war, hatte Marie nicht mehr mit ihr streiten wollen und die Fragerei nach ihrer Herkunft zurückgestellt. Sie hatte ihre Mutter liebevoll gepflegt, alles getan, um ihre Schmerzen zu lindern und sie lächeln zu sehen – die Frau, die sie in all den Jahren geliebt und großgezogen hatte wie ein eigenes Kind.

Es dauerte kein Jahr.

Maries Mutter verstarb und sie war gänzlich alleine.

Marie war enttäuscht, dass ihre Mutter nicht die Wahrheit gesagt hatte. Nun war sie tot und hatte Marie ohne Verwandte zurückgelassen. Sie hatte gar niemanden mehr und nicht den kleinsten Anhaltspunkt, irgendjemanden aus ihrer Familie zu finden – so es überhaupt noch jemanden gab.

Sie vermisste ihre Mutter und fühlte sich einsam. Und so stand sie seit dem Tode ihrer Mutter wieder Abend für Abend an dem Schlafzimmerfenster und schaute in den Himmel empor, als wartete dort das Glück auf sie.

Was sollte sie mit ihrem Leben anfangen? Ihr Plan war ganz anders gewesen, und nun? Die Woh­nung war schön und erinnerte sie an ihre fröhlichen Kindheitstage. Aber hier bleiben? Überall in der Wohnung hausten der Geist ihrer Mutter und die Einsicht, niemals zu wissen, woher sie kam. Wo­möglich verlor sie dieses Gefühl niemals, wenn sie nicht endlich den Schritt aus der Wohnung hin­aus in ein neues Leben wagte.

Am liebsten wollte sie ihre Büroarbeit aufgeben, die Welt bereisen und frei sein. Seit dem Tod ihrer Mutter lebte sie nur noch so vor sich hin. Sie hatte ihre Zuversicht verloren und fragte sich je­den Abend, wie sie es anstellen könnte, wie sie ihr Leben verändern sollte, um wieder glücklich zu sein. Jeden Morgen schleppte sie sich zur Arbeit und seit Monaten ließ sie sich auch noch jeden Tag von dem neuen Chef tyrannisieren. Täglich formulierte sie in Gedanken ihr Kündigungsschreiben, doch sie brachte es nicht zu Papier.

Sie getraute sich nicht. Sie war so unglücklich, aber sie traute sich einfach nicht etwas zu ändern, denn sie wusste nicht, was danach käme.

Das war seltsam, denn eigentlich war Marie ein tatkräftiger, ungeduldiger Mensch, der nichts lie­gen ließ und nichts auf morgen verschob. Manchmal fragte sie sich, ob sie ein letzter Hoffnungs­schimmer zurückhielt, die Wohnung zu verlassen. Suchte nicht doch vielleicht irgendwann einmal jemand nach ihr? Und sähe er dann nicht in eben dieser Wohnung zuerst nach? Dann schalt sich Marie einen Esel, immer noch an die Phantastereien ihrer Mutter zu denken, und überlegte, was sie unternehmen konnte, um glücklich zu sein.

Während sie sich auch an diesem Abend fragte, wie sie den ersten Schritt tun sollte, um ihr Le­ben endlich zu verändern, schwirrte draußen ein silbrig weißes Lichtlein umher. Es sah aus, wie ein leuchtender kleiner Ball und war so groß wie eine Billardkugel, die durch die Luft sauste.

Marie runzelte die Stirn. Was war das? Das Licht huschte durch die Nacht und so plötzlich, wie es aufgetaucht war, so plötzlich war es wieder verschwunden. Marie suchte die Dunkelheit ab, doch das Licht war nirgends mehr zu entdecken. Seltsam. Wahrscheinlich hatte jemand mit einer Ta­schenlampe geleuchtet oder eine kleine Laterne war von einem der Nachbarbalkone gefallen. Sie zog die Vorhänge zu, strich über das Foto ihrer Mutter, das in einem weißen Rahmen auf ihrem Nachttischlein stand, und zog sich die gemütliche Yogahose an. Sie war so müde, dass sie sich ohne Abendessen ins Bett legte.

Marie schlief schnell ein und träumte viel wirres Zeug: von Lichtern und Sternen, und von einem kleinen Mädchen in einer Lichtkugel, das nach ihr rief.

Ruckartig erwachte sie aus dem Schlaf. Hatte eben jemand an ihr Fenster geklopft? Benommen richtete sie sich auf und sah auf den Wecker. Es war zwei Uhr. Mitten in der Nacht. Wie so oft hatte sie von der Geschichte ihrer Mutter geträumt und das Klopfgeräusch gehörte zu ihrem Traum.

Klopf, klopf.

Da war es wieder. Als klopfte jemand mit dem Fingerknöchel gegen das Schlafzimmerfenster.

Das konnte natürlich nicht sein. Marie befand sich im dritten Stock!

Dennoch stand sie auf und lief ans Fenster. Nichts war zu sehen. Sie dachte an ihre Mutter und an ihre Geschichte. Eine Träne rollte über ihre Wange, während sie die Gardine zur Seite zog und in die Dunkelheit emporschaute.

Sie öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus. Sie wollte die Sterne sehen. Die Sterne gaben ihr immer Hoffnung. Sie suchte den dunklen Nachthimmel ab, doch es war offenbar bewölkt. Kein einziger Lichtschein war zu sehen. Marie beugte sich noch etwas weiter aus dem Fenster und such­te, ob es nicht doch irgendwo eine Lücke in der Wolkendecke gab. War denn wirklich kein einziger Stern zu erspähen?

Ein Schluchzer entfuhr ihr, während sie die Träne mit dem Handrücken wegwischte.

Reiß dich zusammen!“, murmelte sie. „Wenn du aufgibst, hast du verloren. Du bist im Moment unglücklich, aber das wird nicht so bleiben!“ Marie straffte die Schultern. „Ich will wieder glück­lich sein. Wie kann ich das nur schaffen?“

Eine fremde Stimme aus der Dunkelheit antwortete ihr:

Du musst wieder lernen zu glauben. Alle Menschen müssen wieder lernen zu glauben.“

Marie zuckte zusammen. Was war das für eine Stimme? Hatte sie sich das nur eingebildet? Oder war dort draußen jemand? Aber sie war doch im dritten Stockwerk!

Oder sprach ein Engel zu ihr? Ein Geist? Vielleicht der ihrer geliebten Mutter?

Aber die Stimme war die eines Mannes und er sprach erneut:

Der Glaube lässt dir Flügel wachsen. Glaubtest du nicht auch als Kind an Wunder?“

Natürlich glaubte ich als Kind an Wunder“, entfuhr es ihr. „Aber Erwachsene glauben solche Kindermärchen nicht mehr.“ Wahrscheinlich träumte sie noch immer. Sie kniff sich in den Arm. Es schmerzte.

Den Glauben an Wunder ebenso wie den Glauben an Welten voll von Zauber und Magie sollten auch Erwachsene in sich tragen!“

Marie lehnte sich weiter aus dem Fenster. Sie konnte nicht sehen, wer zu ihr sprach. Trieb etwa ein Nachbar sein Spiel mit ihr?

Wer bist du?“, flüsterte sie in die Finsternis hinein.

Aus der Dunkelheit löste sich etwas. Zunächst erkannte sie nur ein paar grobe Umrisse, dann sah sie ein kleines Holzboot mit einem Mast und zwei weißen Segeln, so einfach gebaut, wie es Kinder auf Papier malen. Das Boot schwebte vor ihrem Schlafzimmerfenster in der Luft. Und darin stand ein Jemand, der aussah wie ein vierzigjähriger Mann, doch kaum so groß war wie ein sechsjähriges Kind. Er zog seine grüne Zipfelmütze vom Kopf und verneigte sich formvollendet vor ihr. Dabei landete sein langer, dunkelbrauner Bart beinahe auf seinen blankgeputzten Stiefeln. Als er sich wieder aufrichtete, wischte er sich über die roten Backen, rümpfte die knollige Nase und streckte seinen dicken Bauch hervor, sodass die Knöpfe an seinem grünen Hemd spannten. Er hakte den einen Daumen in seine Hosenträger und streckte ihr die Hand entgegen.

Ich bin der Karl.“

Marie hielt vor Schreck die Luft an und starrte verdutzt auf den kleinen Mann und das fliegende Boot. Da alles andere unhöflich gewesen wäre, nahm sie die dargebotene Hand und schüttelte sie mechanisch.

Marie Stenzel.“

Karl grinste und setzte sich die Zipfelmütze wieder auf.

Was schaust du so überrascht? Hast du etwa noch nie einen Zwerg gesehen?“

Langsam schüttelte sie den Kopf.

Wie ist das möglich?“

Ich komme aus einem Königreich voll von Zauber und Magie. Dort leben Elfen und Zwerge, dort gibt es fliegende Schiffe, böse Hexen und uralte Zauberbücher. Es ist ein magisches König­reich.“

Ein magisches Königreich?“

Karl nickte.

Doch Dunkelheit zieht auf. In dem uralten Königreich droht der Glaube zu versiegen. Glaube muss dort wieder einkehren und ein Hoffnungsträger muss den Thron besteigen. Deswegen bin ich hier. Kommst du mit mir? Hilfst du mir, den Glauben in mein Königreich zurückzubringen?“

Mit dir mitkommen?“ Marie schaute zurück in ihr Schlafzimmer, sah den Berg an Klamotten auf dem Sessel, das gerahmte Foto ihrer Mutter auf dem Nachttisch und dann wieder zurück zu dem Zwerg in seinem fliegenden Boot. Das musste ein Traum sein!

Sie kniff sich noch einmal in den Arm. Nur um ganz sicherzugehen!

Es schmerzte.

Aber wie konnte das sein? Hatte ihre Mutter etwa doch die Wahrheit gesagt? War die Geschichte ihrer Mutter nicht erfunden gewesen, sondern war es tatsächlich so geschehen, wie sie es immer er­zählt hatte?

Marie musterte das schwebende Holzboot mit seinen weißen Segeln und den Tauen und mit den drei querverlaufenden Holzbrettern in der Mitte. War sie als kleines Baby mit einem solchen Ge­fährt hergeflogen und auf das Fensterbrett gelegt worden? Dann konnte sie damit womöglich auch wieder zu ihrer Familie zurückkehren. Wie mochte es sich wohl anfühlen, mit dem Segelboot über die Stadt zu fliegen?

Sie blickte erneut zurück in ihre Wohnung.

Was hatte sie schon zu verlieren? Niemand brauchte sie, niemand wartete auf sie, ihr Chef sollte sehen, wie er ohne sie zurechtkam.

Dann musterte Marie den Zwerg. Er grinste immer noch.

Bereit für ein Abenteuer?“

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